Der Assetmanager für eine Welt im Wandel

MARKTAUSBLICK 2020

HOTEL CALIFORNIA: WEITER MIT QUANTITATIVE EASING

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DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE

  • Die Zentralbankpolitik bewegt sich aktuell eher zurück als nach vorne: In den USA wurden die Zinsen dreimal hintereinander gesenkt und die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihr Anleihekaufprogramm erneut in Gang gesetzt.
  • Das Risiko von langfristig niedrigen Zinsen ist ein Dauerzustand mit erheblichen Auswirkungen auf die Rentenmärkte und Anlagen im Allgemeinen.
  • In den USA liegt die Inflation noch immer unter dem Ziel der US-Notenbank (Fed) und nur geringfügig über dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre – dies trotz 27 Quartalen mit einem über dem Trend liegenden Wachstum seit der globalen Finanzkrise, einer Arbeitslosigkeit auf dem tiefsten Stand seit 1953 und zollinduzierten Preissteigerungen.
  • In Europa halten eine ungünstige demografische Entwicklung und ein unter dem Trend liegendes Wachstum die Inflation niedrig. Strukturelle Faktoren wie Demografie, schwaches Wachstum und technologischer Fortschritt dürften die Inflation 2020 in den USA und Europa weiterhin eindämmen.
  • Wir sehen keinen ökonomischen Grund für eine Rezession der Weltwirtschaft im nächsten Jahr. Sofern die politischen Risiken nicht wieder zunehmen, sollten sich Handel und Produktion allmählich erholen. Darum gehen wir von einem langsamen Wachstum der Weltwirtschaft im Jahr 2020 aus.
  • Was den Handel betrifft, so scheint das Beste, was zum jetzigen Zeitpunkt zu hoffen ist, ein begrenztes, wahrscheinlich kurzfristiges Handelsabkommen zwischen den USA und China zu sein, mit dem Risiko, dass die US-Regierung dann ihren Zorn wieder auf Europa richtet.
  • In Bezug auf die Asset-Allokation sind Aktien unserer Ansicht nach anfällig für eine unvorhergesehene Verschlechterung der Weltwirtschaft, während negative Zinssätze in der Eurozone Rentenanleger zwingen, zusätzliche Risiken an den Kreditmärkten einzugehen, um Renditen zu erzielen. Wir bevorzugen strukturierte Wertpapiere sowie Unternehmens- und Schwellenländeranleihen. Private Debt und Real Assets bleiben ebenfalls Sektoren, in denen Anleger Diversifizierung und Renditepotenzial finden können.

MAKROAUSBLICK​

Global Economy

WELTWIRTSCHAFT

Wir sehen keine wirtschaftlichen Gründe für eine globale Rezession im Jahr 2020. Sofern die politischen Risiken nicht wieder zunehmen, sollten sich Handel und Produktion allmählich erholen. Nach einer Reihe von Abwärtskorrekturen prognostizierte der Internationale Währungsfonds (IWF) für 2019 ein weltweites Wachstum von 3% (siehe Grafik). Auf lange Sicht (1980 bis 2018) betrug das durchschnittliche Wachstum des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) 3,5%. Ein dreiprozentiges Wachstum deutet also auf eine verhaltene Wirtschaftslage hin.

Global economy chart DE
United States

US

Nach mehr als einem Jahrzehnt wirtschaftlicher Expansion lautet die zentrale Frage nun, ob die USA sukzessive auf ihr langfristiges Wachstumspotenzial von rund 1,8% abgleitet oder ob sie sich auf Crash-Kurs befindet und eine Rezession bevorsteht. Dass Letzteres für 2020 der Fall ist, glauben wir nicht.

Nach drei Zinssenkungen im Jahr 2019 gibt es Bedenken, die Fed hätte wenig Spielraum im Falle eines Abschwungs. In vergangenen Abschwungphasen sank der effektive Tagesgeldsatz im Durchschnitt um 630 Basispunkte. Aktuell könnte die Fed den Satz allerdings nur um 175 Basispunkte senken (sofern die Zinsen nicht unter 0% fallen). Angesichts dessen scheint eine Antwort von Seiten der Fiskalpolitik umso wahrscheinlicher. Zum Glück erweitern niedrige Zinsen den Spielraum für staatliche Maßnahmen, da eine Erhöhung der Schuldenlast keinen entsprechenden Anstieg der Zinszahlungen zur Folge hat.

China

CHINA

Das BIP-Wachstum in China hat sich im dritten Quartal 2019 im Vergleich zum Vorjahr auf 6% verlangsamt und ist damit so langsam wie seit etwa 30 Jahren nicht mehr. Die chinesische Politik konzentriert sich auf Maßnahmen zur Begrenzung der Risiken, die sich aus einer übermäßigen Schuldenlast ergeben – auch wenn dies schwächere Wachstumsraten zur Folge hat. Trotzdem: Sollte sich der Handelskonflikt mit den USA zuspitzen, dürften die Konjunkturmaßnahmen in der Lage sein, die negativen Effekte einzudämmen.

Die Frage, ob China 2020 auf eine wirtschaftliche Erholung zusteuern und das Zusammenspiel zwischen Geld- und Finanzpolitik verstärken wird, ist schwer zu beantworten. Sicher ist aber, dass die Forderung nach staatlichen Investitionen zur Ankurbelung der Wirtschaft am Jahresende 2019 drängender geworden ist.

Eurozone

EUROZONE

Die entgegenkommende Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) und Forderungen nach einer entsprechenden Fiskalpolitik sollten die Wirtschaft in der Eurozone weiterhin stützen. Die Besorgnis über die zersetzende Wirkung negativer Zinssätze wächst allerdings, da sich das Anleihekaufprogramm der EZB seinen selbst auferlegten Grenzen nähert. Es ist zweifellos an der Zeit, sich erneut mit breit aufgestellten finanzpolitischen Maßnahmen zu befassen, die das Potenzial haben, die Zukunftsaussichten umfassend zu verändern.

Obwohl Erhebungen zu Unternehmenstätigkeit und Geschäftsklima wiederholt enttäuschend ausfielen, haben sich die harten Daten nicht wesentlich verschlechtert. Das BIP-Wachstum in der Eurozone dürfte 2020 bei etwa 1% liegen. Mehrere wichtige Indikatoren deuten auf eine Beschleunigung bei den Konsumausgaben hin. Investoren scheinen die Abwärtsrisiken für die Nachfrage überschätzt zu haben.

Christine Lagarde, die neue Präsidentin der EZB, hat darauf hingewiesen, dass einige Regierungen mit anhaltenden Haushaltsüberschüssen ihren Beitrag zur Unterstützung der Wirtschaft nicht leisten und dass man hier in Zukunft genauer hinschauen sollte.

MARKTAUSBLICK

Developed market equities

AKTIEN AUS INDUSTRIELÄNDERN

Der Zinsrückgang beflügelte 2019 die Aktienrenditen

Die Aktienmärkte zeigten sich wenig beeindruckt von der Verlangsamung des BIP-Wachstums, die 2019 in den meisten Teilen der Welt Raum griff. Stattdessen konzentrierten sie sich auf die Vorteile niedrigerer Zinssätze und die Wiederaufnahme der geldpolitischen Maßnahmen der Zentralbanken. Die Aktienrenditen basieren folglich in erster Linie auf einem Rückgang der Aktienrisikoprämie (analog zu einem Anstieg der Kurs-Gewinn-Verhältnisse) und einer Senkung des Diskontsatzes und nicht auf Hoffnungen auf höhere Gewinne. 

Auf lange Sicht nicht tragfähig

Das Umfeld, wie es sich 2019 darstellte, kann sich längerfristig nicht fortsetzen. Das vorausschauende Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt für den MSCI Europe und die Schwellenmärkte im Durchschnitt, ist in den USA jedoch erhöht (für den S & P 500 beträgt der KGV 17, wobei er im Median seit 1985 bei 14,7 lag und das Maximum nach der globalen Finanzkrise bei 18,6).

Unserer Ansicht nach könnten die Zinssätze sogar noch weiter sinken, wenn das BIP-Wachstum in den USA seine Talfahrt fortsetzt. Während der Rückgang der Zinssätze den aktuellen Ertragswert unterstützen dürfte, würde ein Absinken des nominalen BIP-Wachstums das Gewinnwachstum beeinträchtigen.

Handelskriege, Schuldenabbau und der strukturbedingte Reifungsprozess deuten auf eine ähnliche Entwicklung in China hin. In Europa hingegen besteht nach wie vor Hoffnung auf eine maßvolle Wachstumserholung. Selbst der Beginn eines Handelskrieges wird diese Zahlen nicht dramatisch verändern: Zwar sind die Zölle zwischen den USA und China gestiegen, aber ihr Handelsvolumen macht weniger als 4% des Welthandels aus.

Der Aktienmarkt braucht steigende Erträge

Angesichts schwachen Wirtschaftswachstums, hoher Margen und steigender Arbeitskosten ist kaum absehbar, ob die Unternehmensgewinne 2020 zulegen werden. Für das kommende Jahr wird mit einer Rückkehr zu zweistelligen Gewinnzuwächsen in den USA und den Schwellenländern gerechnet sowie mit Zuwächsen im mittleren einstelligen Bereich in Europa. Unter der Annahme einer gewissen Normalisierung der Kurs-Gewinn-Verhältnisse in den USA und stabiler Bewertungen anderswo dürften die Gesamtrenditen der Aktienmärkte im Jahr 2020 unter 10% liegen. Wir finden Technologie-Titel noch immer attraktiv, gehen hier allerdings selektiv vor. Eine weitere Folge der Handelskriege ist, dass sich die Chancen für Unternehmen erhöht haben, die in Technologie, Produktion und Vertrieb Alternativen zu chinesischen Firmen anbieten, dabei aber die Risiken für die Unternehmen, die von ihnen abhängen, nicht heraufschrauben.

Developed market debt

ANLEIHEN AUS INDUSTRIELÄNDERN

Aus unserer Sicht gibt es nur wenige Gründe, die für einen starken Anstieg der Zinssätze bei US-amerikanischen oder europäischen Staatsanleihen in den kommenden Monaten sprechen. Die Inflation war in den letzten zehn Jahren gedämpft, und die Wachstumserwartungen für das nächste Jahr sind moderat (sprich gesunken).

Inflation chart DE

Um die Risiken auszugleichen, könnte die Fed unserer Ansicht nach die Zinsen sogar noch einmal über die Erwartungen des Marktes hinaus senken. Eine Rezession in den USA erscheint uns dennoch unwahrscheinlich. Das Verbrauchervertrauen bleibt hoch, die niedrigen Zinsen haben die Bauaufträge auf den höchsten Stand seit 2007 steigen lassen und die Arbeitslosenquote ist auf dem niedrigsten Stand seit 1953.

In der Eurozone erwarten wir, dass die lockere Geldpolitik fortgesetzt wird und die Leitzinsen negativ bleiben oder vielleicht sogar weiter sinken. Innerhalb des Anleihemarktes der Eurozone ziehen wir Peripherieländer den anderen Staaten vor, da die Renditeunterschiede dank der Erneuerung der quantitativen Lockerung stabil bleiben oder sogar sinken dürften.

Insgesamt finden wir strukturierte Wertpapiere attraktiv (und zwar sowohl Asset Backed Securities als auch Mortgage Backed Securities). Außerdem gefallen uns Unternehmensanleihen, denn dank der niedrigen Zinsen können Unternehmen mehr Schulden verkraften.

Private debt and real assets

PRIVATE DEBT & REAL ASSETS

Die Anlageklassen Private Debt und Real Assets erfreuten sich in den vergangenen Jahren erheblicher Zuflüsse. Dies zum Teil als Folge der Auswirkungen, die eine unkonventionelle Geldpolitik und niedrige Zinsen auf die traditionellen Anlageklassen hatten. Wenn die Renditen sinken und Anleger neue Chancen suchen, richten sie ihr Augenmerk auf dieselben Sektoren der Anlagemärkte, was dazu führt, dass diese teurer und weniger liquide werden. Anleger haben mit Risiken wie Portfoliokonzentration, steigenden Korrelationen und einer hohen Volatilität zu kämpfen.

Private Schuldtitel ziehen Investoren an, da sich mit ihnen einige dieser Risiken vermeiden lassen – eine Entwicklung, die sich unserer Ansicht nach noch einige Zeit fortsetzen wird. Im Jahr 2019 erlebten wir bei den führenden Zentralbanken eine Rückkehr zur lockeren Geldpolitik. Die Wahrscheinlichkeit eines deutlichen Anstiegs der Zinssätze in naher Zukunft ist unserer Ansicht nach gering.

In diesem neuen Umfeld wenden sich Unternehmen, wenn sie Finanzmittel benötigen, zunehmend an institutionelle Investoren und Vermögensverwalter. Private Schuldtitel sind Anlageinstrumente, die den Bedürfnissen institutioneller Anleger entgegenkommen, wenn traditionelle Anlageklassen diese nicht mehr erfüllen können.

Asset Backed Securities sind wie die meisten privaten Schuldtitel an einen Referenzzinssatz (EURIBOR) zuzüglich Gewinnmarge gebunden, der vor dem Risiko eines Zinsanstiegs schützt. Dieses Segment der privaten Anleihen- und Immobilienmärkte kann aus unserer Sicht Anlegern die Möglichkeit bieten, die Risiken in Schach zu halten, denen sie im Jahr 2020 ausgesetzt sein werden.

Emerging market debt

SCHWELLENLÄNDERANLEIHEN

Nach der Wende in der US-Zinspolitik im Jahr 2019 und dem anschließenden Rückgang der Renditen von US-Staatsanleihen haben sich Schwellenländeranleihen gut entwickelt: Nachdem sowohl auf US-Dollar als auch auf Lokalwährung lautende Anleihen 2018 negativ abgeschnitten hatten, erzielten sie 2019 positive Renditen.

Wird sich dieser Höhenflug 2020 fortsetzen? Wir erwarten, dass die globalen Anleiherenditen niedrig bleiben werden und stabile Erträge aus Schwellenländeranleihen möglich machen, was ihnen einen erheblichen Vorteil im Vergleich zu traditionellen festverzinslichen Anlagen verschafft. Gleichzeitig könnten sich durch ausgewählte Gelegenheiten bei Hochzinspapieren und eine mögliche Aufwertung von Schwellenländerwährungen erhebliche Gewinne in dieser Anlageklasse erzielen lassen. Wir gehen für 2020 von einer Rendite zwischen 5% und 10% bei Schwellenländeranleihen aus.

ANLAGETHEMEN​

INVESTMENT FORUM 2019

Im November fand unser jährliches Investment Forum statt. Wissenschaftler, Anlageprofis und Investmentexperten von BNP Paribas Asset Management diskutierten, was die Märkte in den kommenden Jahren vorantreiben dürfte. Die nachfolgenden Beiträge fassen wichtige Argumente aus den Gesprächsrunden zusammen.

Investment forum 2019
China evolving strategic objectives and a shifting lanscape

CHINA: NEUE STRATEGISCHE AUSRICHTUNG UND EIN SICH WANDELNDES WIRTSCHAFTLICHES UMFELD

Die Finanzmärkte haben die Tweets des amerikanischen Präsidenten durchaus wahrgenommen. Doch, wie Amy Celico von der Albright Stonebridge Group auf dem Forum erklärte, der Wandel in der Einstellung Washingtons zu China geht wesentlich tiefer.

 

War die US-Politik gegenüber China bis in die Regierungszeit Obamas eine Politik konstruktiven Engagements, so ist sie heute eher von strategischem Wettbewerb geprägt. Grundlage dafür ist die Überzeugung, dass sich China trotz einer stärkeren Integration in das Wirtschaftssystem des Westens nicht grundlegend wandeln wird. Eine Änderung dieser Einstellung erscheint unwahrscheinlich, unabhängig davon, wer die US-Präsidentschaftswahl gewinnt. Ändern könnten sich höchstens die Mittel des strategischen Wettbewerbs. So könnte ein demokratischer Präsident beispielsweise versuchen, Europa und Japan als Verbündete ins Boot zu holen, um China in der Frage der Urheberrechte wirksamer unter Druck zu setzen.

Das Reich der Mitte wird selbstbewusster

Nach dem Regierungsantritt von Xi Jingping im Jahr 2013 trat China selbstbewusster auf, was sich an Initiativen wie der Neuen Seidenstraße („One Belt, One Road“) oder Made in China 2025 ablesen lässt. Dass der Westen sich einigen dieser Projekte entgegenstellte, führte dazu, dass China sich im Umgang mit dem Westen zunehmend reaktiv verhielt. Insgesamt agiert die Politik in einem von zahlreichen Spannungen geprägten Umfeld. Amy Celico legte dar, dass China ihrer Ansicht nach weiterhin selbstbewusst auftreten werde, um so seine Position gegenüber seinen wichtigsten geopolitischen Konkurrenten zu festigen.

Pekings Priorität besteht darin, die Kontrolle der Partei über alle Aspekte gesellschaftlichen Lebens zu erhöhen und staatseigene Unternehmen zu stärken, um das Wachstum anzukurbeln. Das wichtigste ökonomische Ziel für 2020 ist der Umgang mit der Konjunkturverlangsamung – das jährliche BIP-Wachstum Chinas ist von 6,8% Anfang 2018 auf 6% im dritten Quartal 2019 gesunken. Zwar bleiben Schuldenabbau und Neuausrichtung der Wirtschaft weiterhin wichtige Endpunkte chinesischer Politik, aber sie zu erreichen ist bei verlangsamtem Wachstum schwieriger geworden.

Eine Folge: Das Projekt Neue Seidenstraße wird schlanker aufgestellt. Denn China baut auf jüngsten Erfolgen auf und reagiert gleichzeitig auf internationale Skepsis und den wachsenden Wettbewerb im Bereich globaler Infrastrukturinvestitionen.

China und die USA gehen auf Distanz

Die Beziehungen zwischen den USA und China sind aktuell vor allem vom technologischen Wettbewerb geprägt. Dadurch steigt die Gefahr einer zumindest teilweisen Entkoppelung der Systeme beider Länder. Die USA haben aus Gründen der nationalen Sicherheit Exportkontrollen und Investitionsbeschränkungen eingeführt. Die chinesischen Regulierungen in Hinsicht auf kritische Informationsinfrastruktur und Datenströme verstärken den Ablösungsprozess. Ein begrenztes Handelsabkommen wird den Ausbau von Regelungen zur Beschränkung des Technologietransfers wahrscheinlich nicht stoppen.

Eine zusätzliche Herausforderung für ausländische Unternehmen, die in China tätig sind, stellen politische Unsicherheit und regulatorische Barrieren dar. Bei der jüngsten Umfrage der EU-Handelskammer in China gaben 48% der Befragten an, dass ihrer Ansicht nach in den nächsten fünf Jahren die Anzahl der regulatorischen Beschränkungen anwachsen werde. In einer Umfrage des US-chinesischen Wirtschaftsrates äußerten sich 34% der Unternehmen pessimistisch oder leicht pessimistisch in Bezug auf die Fünfjahresaussichten für ihre Geschäftstätigkeit in China. Obwohl die meisten der Ansicht waren, dass es immer noch wichtig sei, Präsenz in China zu zeigen, waren sie sich der damit verbundenen Herausforderungen durchaus bewusst.

Was bedeutet das für Anleger?

Wir glauben, dass Investoren die Möglichkeiten des Projekts Neue Seidenstraße neu bewerten sollten, da Höhe und Umfang der Investitionen wahrscheinlich geringer sein werden, als ursprünglich angenommen. Es gilt, die Geschäftsmodelle sowohl der US-amerikanischen als auch der chinesischen Technologieunternehmen genau zu überprüfen, um zu ermitteln, welche Technologie und welche Produktions- und Vertriebsstrukturen sie nutzen.

Während die neu eingeführten Restriktionen einigen Unternehmen schaden werden, dürften andere vom verminderten Wettbewerb profitieren. Nicht-chinesische Unternehmen könnten Schwierigkeiten haben, im Bereich Künstlicher Intelligenz (KI) mit Unternehmen aus China zu konkurrieren. Denn KI benötigt große Datenmengen, die in China normalerweise leichter zu beschaffen sind als im Westen mit seinen strengeren Datenschutzgesetzen.

Anlagen in Unternehmen, die in China tätig sind, müssen regelmäßig evaluiert werden. Nur so ist es möglich, ein Geschäfts- und Regulierungsumfeld, das in ständigem Wandel begriffen ist, zu erfassen und Bedrohungen für Geschäftsmodelle sowie neue Chancen frühzeitig zu erkennen.

US economic policy and outlook

US-WIRTSCHAFTSPOLITIK UND AUSBLICK:
DER GELDPOLITISCHE SPIELRAUM WIRD KLEINER – RÜCKT DIE FISKALPOLITIK NACH?

Gemäß Jason Furman, Professor an der Harvard Kennedy School und Senior Fellow am Peterson Institute for International Economics, der ebenfalls an der Tagung teilnahm, hat die Belastung des US-Wachstums durch den Handelskrieg den Effekt der Steuer- und Zinssenkungen verpuffen lassen. Die zentrale Frage lautet jetzt: Befindet sich die US-Wirtschaft auf einem langsamen Rückweg auf ihr langfristiges Wachstumspotenzial von rund 1,8% oder auf einem Crash-Kurs, der in einer Rezession enden wird? Professor Furman meint (wie auch wir), dass die zuerst genannte Situation realistischer ist.

 

Die jüngsten Zinssenkungen sind Teil einer langen Phase niedriger Zinssätze seit Anfang der 1980er-Jahre. Je stärker dieser Rückgang von dauerhaften gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen angetrieben wird – etwa von steigenden Staatsschulden, langsamerem Produktivitätswachstum, einer sich wandelnden Demografie (ältere Menschen sparen mehr) und steigender Ungleichheit (reichere Menschen sparen ebenfalls mehr) –, desto länger wird er wahrscheinlich anhalten.

Das Problem bei niedrigen Zinsen ist, dass der Fed wenig Spielraum bleibt, um auf die nächste Rezession zu reagieren. Da die geldpolitischen Maßnahmen gedeckelt sind, steigt der Druck auf die Fiskalpolitik, konjunkturunterstützende Maßnahmen zu ergreifen.

Was könnte sich ändern und mit welchen Folgen?

Professor Furman sprach neben seinen Einschätzungen für die unmittelbare Zukunft auch über mögliche neue Weichenstellungen in der Politik in Abhängigkeit vom Ausgang der Präsidentschafts- und Kongresswahlen. Eine starke Wirtschaft und sein Status als Amtsinhaber machen es laut Furman wahrscheinlich, dass Präsident Trump wiedergewählt wird. In diesem Fall werde ein wichtiges Thema für die Märkte und die künftige Geldpolitik sein, wer 2020 den Vorsitz der Fed übernimmt.

Die Wahl könnte zudem erhebliche Auswirkungen auf die Steuerpolitik haben: Die Schätzungen schwanken je nach Kandidat zwischen Steuererhöhungen von 17 Billionen USD und Steuersenkungen von 1,5 Billionen USD.

Folgende Sektoren könnten von den Steuermaßnahme betroffen sein:

  • Gesundheitswesen (Einzelzahler oder öffentliche Kasse)
  • Energie (Green New Deal oder CO2-Bepreisung)
  • Finanzwesen (durch Änderungen der Regulierung und/oder der Steuern)
  • Technologie (durch Regulierung oder kartellrechtliche Maßnahmen).

Eine Erhöhung des Mindestlohns würde einen bedeutenden Anteil der Erwerbsbevölkerung betreffen. Zudem könnten die Infrastrukturausgaben steigen. Professor Furman betonte, dass hinsichtlich des Handels, zumindest in Bezug auf China, weitgehend Einigkeit zwischen den Kandidaten herrsche und dass viele Zölle oder anderen Beschränkungen befürworteten.

Market regulation in a superstar economy

MARKTREGULIERUNG, WENN WENIGE RIESEN DIE WIRTSCHAFT DOMINIEREN

Das digitale Zeitalter hat der Gesellschaft erhebliche Vorteile gebracht, aber auch Kosten. Vor diesem Hintergrund scheint es häufig Aufgabe von Regierungen, Vorschriften umzusetzen, um diese Kosten auf ein Mindestmaß zu beschränken. Auf dem Forum diskutierte Jean Tirole, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften 2014 und Vorsitzender der Toulouse School of Economics, die Herausforderungen, die Marktregulierungen in einer zerrütteten Weltwirtschaft mit sich bringen.

 

Er legte dar, dass die Verantwortlichen in der Politik eine zunehmende Abwehrhaltung gegenüber dem technologischen Fortschritt („Techlash“) in der Gesellschaft berücksichtigen müssten: Forderungen nach der Zerschlagung großer Technologieunternehmen würden lauter und danach, sie als öffentliche Unternehmen zu organisieren, ein strengeres Kartellrecht durchzusetzen oder staatliche Programme zu Big Data und Künstlicher Intelligenz aufzusetzen.

Den Wandel agil gestalten

Eine der Herausforderungen, vor denen die Regulierungsbehörden stehen, ist die Kartellbildung. Als Regulierer in der Vergangenheit Unternehmen mit Monopolstellung wie AT & T oder Standard Oil zerschlugen, war es einfach, die wesentlichen Teile ihrer Geschäftstätigkeit (z. B. Telefonanschlüsse und Bahninfrastruktur) zu identifizieren und zu entflechten.

Aufgrund des schnellen Wandels ist dies allerdings bei Technologieunternehmen deutlich schwieriger – so lassen sich etwa Daten nur mit Mühe von den Tätigkeiten, die sie erzeugen, trennen. Laut Professor Tirole sind Wettbewerbspolitik und Verbraucherschutz besonders geeignet, um die Technologiebranche zu steuern, aber die Regulierungsbehörden müssen diese Instrumente an den digitalen Kontext anpassen und sie agil gestalten.

Aufsichtsbehörden sind bestrebt, den Wettbewerb auf einem Markt zu erhalten, damit die Verbraucher die beste Dienstleistung zum besten Preis bekommen. Im digitalen Zeitalter bedeutet dies, das Verhalten der etablierten Firmen zu bewerten, um zu gewährleisten, dass etwa bestehende Verflechtungen oder Loyalitäten den Preiswettbewerb nicht einschränken.

Angesichts der Dominanz von Technologieunternehmen aus den USA und China – sämtliche der 20 weltweit größten Tech-Unternehmen stammen aus diesen Ländern – kamen vor allem in Europa Forderungen auf, mehr wirtschaftspolitische Maßnahmen zu ergreifen, um regionale Spitzenunternehmen zu fördern. Ein Beispiel aus jüngster Vergangenheit, allerdings aus einer anderen Branche, war der geplante Zusammenschluss von Alstom und Siemens.

Industriepolitik – ja oder nein?

Für wirtschaftspolitische Maßnahmen spricht, dass sich Synergieeffekte ergeben können (Infrastruktur und Informationsaustausch, Potenzial für günstige Jobmobilität), dass sich Forschung und Entwicklung positiv in der Industrie auswirken können und dass der Wettbewerbsschutz gewahrt bleibt (als Argument für Airbus und Boeing).

Ökonomen sind dennoch skeptisch bei solchen staatlichen Eingriffen. Die Geschichte lehrt, dass es Regierungen selten gelingt, erfolgreiche Branchen oder Unternehmen auszuwählen. Zudem erhöht die Beteiligung des Staates das Risiko, dass die Industrie letztlich den Staat vereinnahmt. Es gibt jedoch positive Ausnahmen von dieser Regel, so etwa die US Defence Advanced Research Projects Agency, das National Institute of Health und die National Science Foundation.

Insgesamt scheint es empfehlenswert, die Regulierungsmaßnahmen genau zu verfolgen. 2020 wird insbesondere ihre Neuausrichtung auf das digitale Zeitalter im Fokus stehen. Die zu erwartenden Veränderungen könnten sich nur auf den Wert von Unternehmen auswirken – aber einige könnten auch dazu führen, dass Unternehmen komplett zerstört werden.

Climate change

KLIMAWANDEL​

Das zerstörerische Potenzial des Klimawandels tritt mehr und mehr ins Bewusstsein, ob es nun um die Weltwirtschaft insgesamt oder einzelne Anleger geht. Auf dem diesjährigen Forum präsentierten zwei unserer Experten, Jane Ambachtsheer, Global Head of Sustainability, sowie Mark Lewis, Head of Climate Change Investment Research, ihre Ansichten zum Klimawandel in den nächsten drei bzw. 30 Jahren.

 

Obwohl das Pariser Abkommen einen Anstieg der globalen Temperaturen von deutlich unter 2° C als Ziel festgesetzt hat, befinden wir uns auf Basis der aktuellen politischen Maßnahmen derzeit auf bestem Weg zu einer Erhöhung der Welttemperatur um 4° C – mit den entsprechenden (negativen) Folgen. Dazu gehören: 

  • Extreme Hitzewellen
  • Anstieg des Meeresspiegels um fast neun Meter (Gefährdung von 470 bis 760 Millionen Menschen)
  • Erhebliche Risiken für die weltweite Ernährung
  • Die Hälfte aller Pflanzen- und Tierarten vom Aussterben bedroht
  • Zusätzliche 35 bis 122 Millionen Menschen von extremer Armut betroffen

Die Regierungen werden handeln, wenn Wissenschaft, Wirtschaft, Technologie und öffentliche Förderung an einem Strang ziehen. Die entscheidende Frage ist aber: Wann und wie werden sie handeln – direkt und aufeinander abgestimmt oder verzögert und chaotisch?

Auswirkungen auf Sektoren und Märkte

Die Finanzmärkte sind auf klimapolitische Risiken nicht ausreichend vorbereitet – das ist hier zentral. Denn die Regierungen werden gezwungen sein, klimapolitische Maßnahmen zu ergreifen, die Auswirkungen auf die Portfolios der Anleger haben werden. Wichtige Fragen sind: Wie wird sich dies auf die Wirtschaft insgesamt auswirken und welche Sektoren und Anlageklassen sind besonders gefährdet?

Folgende Branchen sind unter anderem betroffen:

  • Energiebranche: Die Kohlenutzung wird auslaufen, auch Öl hat seinen Höhepunkt wahrscheinlich erreicht, während erneuerbare Energien sich im Aufwind befinden.
  • Automobilbranche: Verbrennungsmotoren drohen Verbote, Ersatz kommt vonseiten der Elektrotechnologie.
  • Bausektor: Energieeffizienzstandards für Häuser und Büros werden steigen, Bestandsimmobilien werden nachrüsten müssen.
  • Landwirtschaft: Ein Anstieg der Produktivität wird dringend benötigt, um weitere Rodungen überflüssig zu machen. Der Rindfleischkonsum wird voraussichtlich sinken.
  • Konsumgüter, insbesondere nichtzyklische: Die Einschränkungen bei der Verwendung von Kunststoffen wird wahrscheinlich steigen.

Fazit: Es steht fest, dass die öffentliche Hand mit politischen Maßnahmen auf den Klimawandel reagieren wird – denn die Auswirkungen des sich wandelnden Klimas auf die Menschen weltweit nehmen stetig zu.

In unserem Bericht „Wells, Wires, and Wheels: EROCI and the Tough Road Ahead for Oil“ erklärt Mark Lewis, warum Öl langfristig einen deutlich niedrigeren Breakeven-Preis braucht, um im Transportwesen wettbewerbsfähig zu bleiben. Ein solches Absinken des Preises aber wird die künftige Kapitalrendite in der Branche drastisch verringern und viel investiertes Kapital abwerten.